Tijuana Joe
Die Heimat der Schraubenwelt

Das Raunen der Strömung


Fisch als Gott


Vor einigen Tagen traf ich einen alten Kollegen aus Studientagen. Doch war es mir nur schwer gelungen ihn wiederzuerkennen. Der einstige immer lächelnde Blondschopf hatte sich in einen Trauerkloß, mittlerweile nahmen seine Backen buchstäblich deren Fülle an, verwandelt, dessen graue Augen düsterer waren als eine Woche Regenwetter.
„Konstantin, was ist passiert?“, fragte ich ihn bei Bier und Wurst in der alten Kneipe „Zum Waidmann“, deren Vertäfelung Geschichte speicherte wie ein Schwamm. Doch erst als das fünfte Bier floss, hatte er die Kraft erlangt zu erzählen, woran er seit Wochen litt. Er starrte auf seine beiden Hände als glaubte er, dass sie nicht seine wären. Dann quiekte er enttäuscht und weinte. Die Tränen taten ihren Dienst und spülten die Antworten wie Laubblätter aus ihm heraus.
Seine Trübsal entstammte dem Umstand, dass er ein Bilateria war, ein Zweiseitentier. Damit war er verdammt worden als Embryo symmetrisch zu starten und wenn er in den Spiegel blickte war da eine unheimliche Ähnlichkeit der rechten zur linken Seite und umgekehrt. Wie sehr er sich wünschte radial aufgebaut zu sein oder zumindest triradial wie die Tribolozoa aus dem Ediacarium.
Konstantin war in eine tiefe Finsternis gefallen, seine Depression fraß sich jeden Tag tiefer in seine Hirnrinde und schon bald müsste man damit rechnen, dass sie perforiert wäre. Ein klaffendes Loch ließ dann alle Gespenster hinein, die ihm langsam den Lebenswillen stahlen. Er wusste es nicht, aber sein Geisteszustand nahm ab und wenn er nicht demnächst sein Schicksal zu ertragen lernte, fände man ihn an der knorrigen alten Eiche wieder als seltsam hängende Frucht. Ich klopfte ihm auf die Schulter, immerhin wusste ich nur zu gut von dieser Misere. Auch mich hatte sie einst ergriffen, doch ich überlebte, denn den absoluten Nihilismus und die merkwürdigen Phantome der Evolution lernte ich zu lieben. Gestärkt stieg ich aus dieser Krise, stärker und härter als jemals zuvor.
Konstantin konnte es im Prinzip auch überwinden, doch war sein Geist schwach wie eine gekochte Nudel. Wir waren eine Anomalie im Energiefeld der Kneipe. Wo Fröhlichkeit herrschte waren wir die schwarze Realität. Niemand nahm uns wahr. Außer einer. Methusalem oder sein Zwilling saß am anderen Ende des Tresens und er hatte uns ins Visier genommen als er merkte, dass wir die Synergie ruinierten. Der uralte Mann hatte einen weißen Bart bis zum Boden, oben krönte ihn nicht ein Haar und die Falten in seinem Gesicht dienten Feen als Bettdecken. Seine Augenbrauen waren die buschigsten und vollsten, die ich je gesehen hatte. Er schlurrte zu uns, dabei musste er vor Anstrengung fast urinieren, und dann öffnete er unter Anspannung seinen trockenen Mund. Er hatte nur noch einen einzigen Zahn, den linken oberen Schneidezahn, und ein fauler Gestank strömte aus seinem Rachen, der sein ranziges Inneres verriet.
Er stank drauf los: „Mein Junge, mein Name ist Erhard Grimm. Ich bin mittlerweile 108 Jahre alt und mit dem Alter habe ich die Zeit gehabt das Innere des Menschen zu verstehen. Ich habe euch hören können und weiß genau das richtige für euch. Da ist eine Fähigkeit in uns, die Erinnerung an unsere Vorväter freizuschalten für unser Gedächtnis. Ich habe unsere Ahnen gesehen, ja, du wirst niemals kein Bilateria sein, aber glaube mir, es ist wunderbar zwei symmetrische Körperhälften zu haben.“
Erhard, er bestand darauf, schnappte sich eine Ladung Schnaps vom Rükeberg und kippte ihn hinunter. „Mein Geheimnis ist kalter reizender Weingeist, der erfüllt und versetzt mich in einen Zustand geilster Ekstase wie die Erdspalte der Pythia. Habe ich ihn aufgenommen, schwimme ich in der Vergangenheit. Ich schwebe in einer früheren besseren Zeit als das Meer noch wimmelte wohl liebem Getier. Manfred, die nächste Runde geht auf mich, hol den besten Tropfen. Ich muss diesen beiden Jungspunden vom Leben erzählen...
...Wir beginnen mit dem Kambrium, denn die Zeit können wir greifen. Zuerst waren die Chordatiere fischähnlich. Sie hatten stromlinienförmige Körper und schwangen ihren gesamten Körper im Tanz durch die dicke See. Unser kleiner Ahne, nennen wir ihn „Gräti“, war ein junges Schädeltier, einer unserer direkten Vorfahren. Manch einer hatte sogar veranschlagt Gräti einen Fisch zu nennen, wenn man die weite Definition des Begriffes akzeptierte. Tatsächlich war der süße durchsichtige Ahne ein Kieferloser, der doch lieber einen Kiefer besäße. So hob er sich über den Meeresboden des lauwarmen Ozeans und sog mit seinem rundlichen Mund Nahrungspartikel auf, die man Detritus nennt.
Er lebte im heutigen Südkanada und versteckte sich vor bösen Räubern wie dem titanischen Anomalocaris und gottlosen Triboliten, die mit ihren Zangen das Wasser zerschnitten. Hallucigenia war sein Freund. Es war ein seltsamer Lobopode, vielleicht sogar ein Stummelfüßer, der neben Gräti mit seinen zwei Reihen Tentakeln das Gestein bewatschelte. Stacheln schützten es und Gräti verschwand hin und wieder in die Zwischenräume der Stachelreihen zum Schutze. Er hatte niedliche Knopfaugen, die der Mensch nicht geerbt hatte. Trotzdem gierte das kleine Wesen nach Gewalt, nach der Gewalt der Liebe. Es schwamm durch die grüne See, denn er liebte die marinen Algen, die vorzüglich schmeckten. Kleine Fleischstückchen vom Tierchen Wiwaxia mundeten wahrlich gut, dass in den endlosen Wassern von einer Bestie zerrissen worden war. Fremde und eigenartige Organe und Fasern unbekannter Machart flossen in der allmählichen Strömung Richtung Tiefsee, doch er konnte einige Stücke erhaschen. Die andere Hälfte Wiwaxias lag wie eine gehöhlte Orange in einem staubigen Grab am Grund. Er musste stark werden, das Aufgenommene musste die Fasern, die Muskeln und das Hirn aufbauen. Alles wuchs heran.
Er war anders als alle anderen Tiere des Kambriums, er hatte selbst dafür gesorgt. Er hatte seltsamerweise ein Bewusstsein aktiviert, denn sein Hirn war ausdifferenzierter als das eines Menschen. Er war eine Laune der Natur und es war eben diese Laune, die ihn zu unser aller Urvater machte. Gut und Böse gab es nicht, sie sind lediglich Einschätzungen einer als real empfundenen Form oder eines Ideals.
Gräti wäre stolz auf die wahre Menschheit und verfluchte den Rest.
Sein Ziel war es, das perfekte Lebewesen zu erschaffen. Ihm war klar, dass viele Millionen Jahre Evolution nötig wären und auch die Möglichkeit bestünde, dass seine Nachfahren Versager waren. Der Mensch war nur leider nicht auf der Stufe, die er erhoffte. Es würde was Besseres kommen. Kopffüßer und Rabenvögel sind unglaublich vielversprechend.
Er hatte eine Macht, die wir uns nicht vorstellen können. Sie verlieh ihm eine Stellung, die ihn über alle Himmel hob. Starb er, starb auch jeder Lurch, jeder Synapside und jeder Diapside. Die Rundmäuler und die Inger würden leben, aber wären sie auch die Herrscher? Die Welt sähe ganz anders aus. Würden die Chordatiere einen anderen Weg einschlagen? Statt Dinosaurier gewaltige Hiregasiden, deren Haut trocken ohne Schuppen ist. Gräti wollte aber eine solche Welt nicht und beschloss den Tod nicht als Option zu akzeptieren. Sein Umfeld unterstütze seinen Weg. Seltsamerweise wich ihm jeder Räuber aus. Anomalocaris war so groß, dass es die Sonne vollständig verdunkelte. Seine lappenähnlichen Fortbewegungsorgane waren Drachenschwingen gleich, die das Urmeer aufwühlten wie es nie wieder ein Tier schaffen könnte. Die Greifzangen an seinem Maul waren außergewöhnlich beweglich und bewaffnet mit spitzen zahnartigen Stacheln.
Gräti war kein Gegner für dieses Monster.
Doch Anomalocaris flog nur über Gräti.
Nahm es ihn überhaupt war? Nun, vielleicht war es auch die Größenordnung. Anomalocaris war der größte uns bekannte Räuber seiner Zeit mit einem kolossalen Meter. Der kleine Gräti war im Millimeterbereich. Das war sein Glück. Die Riesen ignorierten ihn und den anderen Räubern entkam er, in dem er sich versteckte. Ritze, Loch, Kamm. Er passte überall rein. Und so war es niemals gelungen ihn festzuhalten. Als er sich eines Tages fortschwabbelte in fremde Gewässer, da war er für ein paar Tage weg. Niemand vermisste ihn wirklich, aber niemand freute sich auf der anderen Seite über sein Verschwinden. Die kambrische Radiation explodierte einfach weiter.
Ich weiß nicht, was ist mein Lieblingstier der Zeit? Stummelfüßer finde ich ja super niedlich. Vor ungefähr 480 Millionen Jahren sollen die Insekten entstanden sein, die ich am liebsten habe, doch wissen wir nichts Genaues. Rhyniognatha hirsti aus dem Unterdevon vor 407 Millionen Jahren ist das erste erhaltene Insekt, doch ist es soweit fortgeschritten, dass es unmöglich ein insektoides Gräti sein konnte. Krebstiere sind auch wundervoll, vor allem die Höheren Krebse. Wusstet ihr, dass ihre Ordnung über 500 Millionen Jahre alt ist? Spinnentiere sind nicht meine Favoriten, aber andererseits sind ihre Fähigkeiten auch beeindruckend.
Aber mein Augenschein wird immer Gräti bleiben. Gräti war wie Jesus.
Er verschwand um neu aufzuerstehen. Als er zurückkehrte war er Vater geworden. Seine Brut schwärmte in alle Ecken des Planeten. Zwar hatten sie nicht seinen übermäßigen Verstand geerbt, doch der Wille war ihnen vermacht worden. Sie sollten sich noch in die ganzen Tierstämme der Schädeltiere transformieren.
Gräti war der mysteriöse Urahn, den wir immer suchten. Bist du nun weiß, schwarz, asiatisch oder ein Indianer, einst war ein Teil von dir der kleine Schwimmer. Dem kannst du nicht entkommen. Nur weil es einst Gräti gab, gibt es auch dich. In einer anderen Welt unter denselben Sternen war es ein anderer. Die Welt dort ist ganz anders. Da ist eine Welt nur mit blauäugigen Menschen. In einer anderen sind alle Menschen weiß wie Schnee, haben melaninarme Haare, besitzen glühende gelbgrüne Augen und fressen nur rohes Fleisch unter der bedeckten Sonne. Und in wieder anderen gibt es keine Menschen, sondern andere irdische Wesen bevölkern die Erde. Gräti schuf Gut sowie Böse. Der Schöpfer..."
Konstantin, sichtlich verwirrt und doch in einem Beschluss gestärkt, stand krachend auf. Kommentarlos verließ er die Schenke. Alle fokussierten die Tür an, die mit ordentlicher Wucht zuschlug, sodass winzigste Splitter sich vom hölzernen Rahmen lösten. Konstantin war nicht erlöst worden von seinem Leiden. Doch war er bewegt worden. Allerdings bezweifelte ich, dass es zu seiner Besserung war. Der uralte Erhard hatte während der Geschichte durchgängig seine drei Bier getrunken und war nun, seinem hohen Alter geschuldet, beschwipst. Er lallte und langweilte mich nun. Ich warf Manfred mit dem Pelz auf dem Handrücken die Zeche zu und fügte ein beträchtliches Trinkgeld hinzu. Und dann war ich schon zuhause.
Fünf Tage geschah einfach gar nichts. Die Sonne schien wie es der Sommer verlangte und die Vögel hielten einen Wettbewerb, der zuckersüß wie eine Fidel klang. Am sechsten Tag, es war ein brütend heißer Morgen, trat ich aus dem Haus und mir sprang bevor ich es etwas anderes vernahm eine Meute ins Auge. Ich drängelte mich durch meine Nachbarschaft.
Im Ring lag die Leiche von Mecki, dem Pitbull meiner Nachbarin Frau Zauner. Die ältere Dame hockte ungeachtet ihres langjährigen Knieleidens auf dem Asphalt. Sie hielt in ihren runzligen Händen ihren Hund. Der Hund sah aus als wäre er durch eine Mangel gedreht und danach von einem Käsehobel malträtiert worden wäre. Sein Bauch war von der untersten Zitze bis zur Halsschlagader aufgebissen. Der Dünndarm wand sich wie eine rosa Nudel in rötlicher Soße vor dem Tier und ähnelte einer eingerollten Kobra. Die restlichen Stücke, die aus ihm herausgerissen wurden, waren schwer zu identifizieren. Das dunkle Stück mit der Füllung zu allen Seiten, das versehentlich zertreten worden war, könnte einst die Milz gewesen sein. Rippen mit satten Fleischmanteln lagen fertig für den Grill überall. Ebenso überall war Blut, Wasser, Lymphe und Galle gespritzt. Das Gesicht hing wie ein Fetzen vom Knochen und zeigte blanke Muskeln und hellen Knorpel. Daneben lag die Brille ihres Frauchens, die im Schock hinunter geplumpst war. Zerbrochen war sie nicht, ein Fettkörper hatte sie sanft aufgefangen. Die vom Eisen geschwängerte Luft hatte die Dorfbewohner in Panik und Schrecken gesetzt, ob nun den Schmied Walter mit Oberarmen geölt wie Schwarzenegger oder das zerbrechliche sommersprossige Bauernmädchen Mia, die mit den Tränen rang. Theorien zur Mörderschaft verdrängten alles andere. Doch kam kein Konsens zustande.
Man fragte mich, denn ich verstand mich auf alle Bereiche des Lebens. Heute war ich aber ratlos. Mir war nur eines klar: Einen Kampf hatte es nicht gegeben. Stattdessen war es eine Hinrichtung gewesen.
Den Körper säumten Kratzspuren wie ein Canyon, die die Haut vom Leib gestülpt hatten. Ich hatte ihnen eine Erklärung gegeben, die ich selbst gar nicht glaubte. Es sah aus als hätte ein gewaltiger Bär oder aber ein kolossaler Tiger ihn zerbissen, doch die Bisswunden waren fernab allen mir bekannten Kiefern des gesamten Tierreichs. Eher glichen sie den gewaltigen Fängen eines Andrewsarchus, ein ausgestorbenes Biest, massig wie ein Bär, aber näher verwandt mit Schafen und Ziegen. Nur konnte ich nicht sagen, dass ich eher den ausgestorbenen Andrewsarchus als Täter in Betracht zog als einen lebendigen Bären.
Für einen Moment resignierten alle.
„Ein Bär…“, grunzte der kahlköpfige Theo und dabei hob sich sein ganzer Bierbauch. Alle blickten unverstanden auf das kolossale Blutbad.
„Es war ein Bär gewesen! Ich habe ihn davon traben sehen. Ein gewaltiges Tier, groß wie ein Kleinwagen!“, dichteten wir der Leiche an.
Das Gespräch nahm nicht mehr wirklich an Fahrt an. Es startete eine schwache Diskussion, nachdem Frau Zauner von einer Gruppe von dreien in ihr Haus abgeführt wurde und Kekse ihren Geisteszustand heben sollten. Angst schürte die Forderungen von Frau Seelhardt, die um ihre Sprößlinge fürchtete und den Abschuss forderte – den ich unter keinen Umständen unterstützte. Andere, wie Uli meinten, dass der Tierschutz benachrichtigt werden müsste. Sonst gingen die Gedanken durcheinander. Ich stand hinten. Irgendwas kam mir nicht richtig vor. Ich suchte die Menge ab. Blonde Köpfe waren da viele, nur gehörte keiner Konstantin. Er fehlte, allerdings fehlten auch andere Bewohner des Dorfs und ich schob es auf die Arbeit. Herr Engels, groß wie ein Berg und versehen mit dem harten Gesicht eines Burgfrieds, griff zu einer Schaufel und hob den Exhund an. Er fragte nur leise: „Wo begraben wir ihn?“
Am Montag traf ich auf Konstantin. „Treffen“ ist nicht das korrekte Wort, Konstantin hatte eher telefonisch nach mir verlangt. Ein Gespräch war nicht entstanden, sondern er gab mir die Anweisung „Heute 17:00 Bank am Fluss bei der Doppelbrücke.“ Er ließ mich nicht warten. Selbst durch den dichten Weg, zu allen Seiten schossen Zweige heraus um den Weg abzuriegeln. Ich sah schon aus mehreren hundert Metern den unruhig hin und her gehenden Konstantin. Er trug dem Wetter entsprechend T-Shirt und Shorts in hellen Tönen, allerdings trug er darüber noch einen offenen schwarzen Wollmantel. Konstantin hatte sein langes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden und war mit einer schwarzen Sonnenbrille bewaffnet.
„Du bist ein wahrer Freund! Pünktlich auf die Sekunde!“
Er reichte mir seine Hand und wünschte mir einen guten Morgen und vertat sich damit nur um 8 Stunden. Ich sollte überrascht sein, nicht er – Konstantin war ein notorischer Zuspätkommer.
Wenn er pünktlich war, war es ihm wichtig.
„Wo warst du die letzten sieben Tage? Du bist einfach abgehauen.“
Konstantin lächelte echt und holte mit hartem Schwung etwas aus seiner Manteltasche. Es war ein Buch. „Das hier ist der Grund! Du wirst es mir kaum glauben, aber… Jedenfalls, was ich dir jetzt erzähle darfst du niemals jemandem erzählen. Niemals! Schwörst du?“ Er streckte aus der geballten rechten Faust den kleinen Finger raus.
Ich zögerte nicht. Auf der Stelle umarmten sich unsere kleinen Finger.
„Er umschloss meine beiden Hände innig. Er strahlte: „Auf dich ist Verlass.“ Er drehte sich um, hob die Arme wie Jesus am Kreuz empor und schmetterte die Ereignisse einer Nacht, die sein Leben verändern sollten. Die ganze Welt war sein Publikum und das gesamte Tal war sein Zeuge. Die Sonne wurde von seinem Kopf verdeckt und verlieh ihm einen Kranz, auf den Mithras neidisch gewesen wäre.
Er schrie: „Vor sieben Tagen, es war die Nacht als wir in der Kneipe waren, da lag ich im Bett und starrte an die Decke, die ich nicht fand in der Dunkelheit. Ich war ein Nichts, ich war wie der Dreck auf dem Boden unbedeutend. Der Alte hatte mich zerstört. Er hatte nicht meine Krankheit geheilt, er hatte die eitrige Wunde erneut aufgestochen mit einem Buttermesser. Meine Depression fraß mich auf. Als ich die Augen schloss, war es nur ein wenig dunkler. Der Schlummer wollte mich nicht einlullen, sondern er ließ mich hängen. Ich war allein, einfach allein mit meinem Problem. Da war keine Rettung oder Lösung in Sicht. Alle Hoffnung war verloren. Dann hörte ich ein Kratzen. Es war gedämpft, aber unter keinen Umständen war es eingebildet. Meine Augen sprangen auf. Ich drehte den Kopf nach links ins Zimmer hinein. Unter meinem Bett kroch ein gewaltiges Insekt hervor. Ich schrak zurück und verteidigte mich mit meiner Decke. Nur konnte ich meine Augen nicht vor ihm verschließen. Es stak an der Wand. Das rote Ungeziefer war vielleicht über zwei Meter groß, es ähnelte einer Schabe, doch es stand auf zwei Beinen. Seine Antennen schlugen aus wie verrückt und zogen in meine Richtung. Die riesigen Facettenaugen leuchteten aus dem Inneren. Es gab knittrige Geräusche von sich und spreizte seine Deckflügel in einem Schwarz, das so tief war, dass es jegliches Licht im Raum verschlang. Ein Sandschlag durchströmte mich. Ich hielt meine Decke schützend vor mich. Etwas Hartes klopfte gegen meinen weichen Schild. Das Surren erstarb. Als ich die Decke wegnahm, hatte ich ein Geschenk erhalten. Und zwar dieses Buch.“
Ich sah mir das Buch ganz genau an. Das Deckblatt war weiß und zeigte einen fremden absonderlichen Mechanismus, dem ich keine Funktion zuordnen konnte. Über dem Mechanismus, der vielleicht eine Melkmaschine oder ein Wehrturm aus der fernen Zukunft darstellte, war eine Überschrift. Ich hatte diese Art von Zeichen noch nie gesehen, aber da war eine Intuition, die mir den Namen dennoch verriet: Kapoyk Inhgania. Ich hatte nicht den geringsten Schimmer, was das hieß oder in welcher Sprache der Titel verfasst war. Um das Buch war eine Aura, deren Schwerkraft die Luft um sie herum faltete. Das Buch war uralt, dick mit vielleicht mehreren tausend dünnen Seiten und schwer wie eine Hantel. Seine Geschichte klang völlig meschugge und doch konnte ich sie nicht nicht glauben. Dafür hatte das Buch eine zu bizarre Ausstrahlung.
Als ich meine gespreizte Hand auf das Buch lag, Konstantin lächelte irre, spürte ich einen enormen Schub, der etwas in mir in Besitz nehmen wollte. Blitzschnell zog ich meine Hand zurück. Dieses Buch war nicht von dieser Welt und wenn doch, stammte es aus den geheimsten und mysteriösesten Arealen unserer Erde wo kein Sterblicher seit tausenden von Jahren einen Fuß mehr gesetzt hat. Ich blickte hoch. Seine Augen waren jeglichen Lebens geraubt und doch warm.
Ich nickte: „Ich glaube dir.“
Konstantin schloss mich in seine Arme: „Genial, genial. Du bist ein Guter, ein Guter, mein Freund. Es klingt völlig durchgeknallt, aber ich vernehme eine Anweisung von diesem Folianten hier. Ich werde es jetzt öffnen, vielleicht verstehst du dann auch!“ Er löste sich von mir, ging in eine stabile Haltung und schlug das Buch mit Gewalt auf. Was ich fühlte war ein einmaliges Gefühl, das nie wieder kam.
Es war als wenn eine Wolke Millionen Ideen uns einhüllte, fast konnte ich sogar eine fremde Farbe wahrnehmen, die aus dem Buch strömte. Auf den Seiten waren Buchstaben, die wie Tausendfüßer über die Absätze krochen. Die meisten Abbildungen huschten von Ecke zu Ecke. Unter allem konnte man eine neue ebenso geniale Schicht erkennen und auch unter der eine neue und so weiter. Mein Gehirn schmerzte als müsste es platzen. Unsere Haare liefen weg und schwebten gen Himmel. Meine Augen begannen zu tränen, sie waren völlig überfordert.
„Verdammt Konstantin, mein ganzer Körper brennt!“, schrie ich voll Pein.
Konstantins rechtes Nasenloch blutete. Er leckte das Blut einfach mit der Zunge auf. „Oh Anfänger, da musst du durch. Das ist der Preis für ultimatives Wissen! Auge um Auge, Zahn um Zahn! Gleißender Schmerz führt zu den wahren Göttern. Es ist das reinste auf der ganzen Welt! Ah-haa-haa!“
Konstantin schrie aus voller Kehle. Mein Körper zitterte als hätte ich Parkinson. Schließlich gab mein Magen nach. Ich brach zusammen auf alle viere. Dann erbrach ich mein Frühstück. Wässriges Spiegelei und halbverdaute Bohnen erblickten erneut das Licht der Welt. Da war auch etwas Labquark, der wohl gestern noch Hartkäse gewesen war. Die Kotze füllte das kleine Erdloch und schuf eine künstliche Pfütze. Mit verschmiertem Mund und Schlitzen als Augen sah ich nach oben. Konstantin stand über mir wie ein schattenhafter Koloss. Sein Gesicht war steinern und unnachgiebig. Das Buch war in seiner rechten.
Er starrte mich an. Dann krisch er „Du bist nicht bereit! Du bist nicht bereit!“ und lief weg.
Auch am nächsten Tag ging es mir, um es auf Gutdeutsch zu sagen, echt beschissen. Kein Wunder dass Konstantin so geisteskrank gewesen war: Wer regelmäßig dieser Tortur ausgesetzt war konnte nur überschnappen. Während ich in meinem Holzbett lag, auf dem Nachttisch standen Zimtplätzchen und ein heißer Kamillentee, war mein Schädel wie eingegossen mit tausend Überlegungen. Das Buch war gemeingefährlich, soviel war sicher. Vielleicht war es tatsächlich ein Buch voller Weisheit, aber es war ein sinisteres Wissen alter Zeit. Ich hatte nichts entziffern können außer den Satz „Vfahu Kerrah ged“, den ich seltsamerweise zu lesen vermochte, doch wusste ich nicht mal ansatzweise, was das heißen könnte. Verflucht, ich hatte nicht mal eine Idee welche Sprache dies sein könnte.
Mir war immer noch flau zumute und in der Nacht hatte ich mehrfach das Gefühl, dass Gespenster in meinem Hause spukten. Zuvor hatte ich niemals so etwas gedacht und hätte über mich gelacht, wenn ich es ehrlich in Betracht zöge. Doch diese Nacht war es anders. Mehrmals hatte ich aufwachen müssen, da ein metallischer Geschmack wie Staub in meinem Rachen klebte. Jedes Mal wenn ich wach wurde, war da nichts. Mein Zimmer war so langweilig wie immer, aber nur so lange ich noch meine Augen offen hielt. Geschlossen standen mir die Haare zu Berge. Ich hatte das Gefühl eine Art Gesang zu hören. Ich döste oder vielmehr ich versuchte es, denn ich fürchtete etwas zu erkennen in der Düsternis, wenn ich meine Augen öffnete.
Ich kniff meine Augenlider zusammen so fest wie noch nie. Allgegenwärtig war dieser Druck. Die letzten Tage waren wie nicht von dieser Welt gewesen. Der Gesang schien lauter geworden zu sein. Mittlerweile war es mir möglich ihn irgendwie einzuordnen. Er klang nur entfernt menschlich, eher stellte ich mir so eine singende Ziege vor, die von einer dampfenden Orgel begleitet wurde. Einige Zeilen erinnerten mich an gesprochene Sprache, so glaubte ich das Hauchen japanischer Münder zu vernehmen, doch wenn ich versuchte einzelne Wörter zu extrahieren platzten alle meine Anstrengungen wie ein Berg von Schaum und wurden nichtig. Der Gesang kam von der linken Seite. Dort waren mein Schreibtisch und das Fenster. Saß da etwas, was mich wie eine Sirene einzulullen versuchte? Schweißperlen sonderten sich von meiner Stirn ab. Mir war eiskalt, obwohl ich unter der dicksten Decke eingehüllt war, die ich besaß.
Der Gesang war so laut geworden, dass er in eine feste Form überging die wie eine Wurst zerschnitten werden konnte. Der Gesang fasste nach mir wie ein Haken. Ich spürte ein rostiges eisenkaltes Kratzen, von dem ich doch wusste, dass es nicht existierte. Ich schwitzte Muster in meine Kleidung. Im Gesang dachte ich nun etwas Falsches zu spüren, etwas, das im Gesang lebte, doch verborgen für niemanden hörbar. Der Versteckte schrie manisch. Es waren Flüche. Die lärmenden Schlieren lähmten meine Bewegungen. Ich presste die Lider noch stärker zusammen, so stark, dass ich mein Augenlicht aufs Spiel setzte.
Meine Nase kitzelte. Instinktiv öffnete ich die Augen ungeachtet der Dummheit meiner Tat.
Da war nichts.
Ich sah zu der linken Seite meines Schlafzimmers. Da waren nur mein alter Schreibtisch und das Fenster. Die Nacht war ungewöhnlich hell. Einen Gesang hörte ich nicht mehr. Ich stand auf und schlüpfte in meine Pantoffeln. Hellwach schritt ich zum Fenster. Das Glas war noch vom Bau des Hauses und im Standard der Siebziger Jahre. Der Mond ersetzte heute die Sonne in weißem Licht. Ich wohnte erhöht und in der Ferne erkannte ich Konstantins Haus. Es lag einsam im Tal umgegeben von unbändigem Wald. Es war wie immer, doch stimmte dennoch etwas nicht damit. Ich hielt mein Ohr an das Glas. Aus der Richtung des Hauses drang ein Geräusch. Schloss man die Augen, wurde es lauter. Es war der Gesang. Ich fürchtete um Konstantin. Egal was es war, es konnte nichts sein, worauf man sich einlassen sollte. Mit mulmigem Bauch legte ich mich schlafen. Der Gesang war da zwar noch, aber er tat mir nichts.
Die Nacht war unangenehm gewesen, obgleich ich neun Stunden schlafen durfte. Heute hatte ich keine Vorlesungen und hatte entspannt mein Frühstücksmüsli gegessen. Mehr bekam ich nicht runter. Es hatte seltsam geschmeckt und mir war ein bisschen schlecht geworden. Ich hatte beschlossen meinen Tag mit einem Spaziergang zu beginnen. Das Wetter war großartig. Es war herrlich warm und nicht eine Wolke verdeckte den Himmel. Doch sorglos waren heute nur die Vögel. Das allgemeine Volk war wie gewrungen und Krähenfüße hatte praktisch jeder, dem ich begegnete. Einige Kinder wuschen sich die Zunge am Quellenbrunnen unserer Stadt. Sie beschwerten sich über einen blutigen Geschmack im Mund. Ihre Eltern holten sie vom Brunnen, doch sie selbst waren beschwert mit dem Problem. Die Luft roch auch komisch. Nur wusste ich noch nicht nach was. Vielleicht war es die Luft, die uns diesen Geschmack verliehen hatte.
Ich ging durch die Gassen und sah nur streitende und sich beschwerende Gesichter aller Altersklassen. Jeder stritt um dasselbe und dass niemand eine Antwort hatte, half auch nicht. Ich beschloss auf jeden Fall Konstantin zu besuchen. Er hatte das Buch und das Buch hatte sicher etwas damit zu tun.
Als ich auf dem Marktplatz angekommen war, fiel mir etwas Ungewöhnliches auf. Auf dem Dach des Rathauses saß ein riesiger Vogel. Ein Schwarzstorch? Zumindest war er länglich wie einer, doch sehr viel größer. Außerdem hatte das Kragengefieder eher Stacheln als Federn ausgebildet, der Schnabel war wie eine riesige Schere und schleifte fast auf den Dachziegeln und die Augen waren große hellblaue Scheinwerfer. Jeder im Dorf begutachtete das seltsame Tier und sie spekulierten worum es sich denn genau handle. Der Vogel plusterte sich gerade auf als ich angesprochen wurde.
„Beeindruckend, nicht wahr.“, sagte Konstantin.
Ich drehte mich zur Seite. Konstantins Haar sah aus wie nach einem Orkan, sogar einige Blätter steckten dort drin. Sein Gesicht hatte irre Augen und Bartstoppeln. Er hatte Mundgeruch und roch auch wie das Meer. Seine Haut war schon immer hell gewesen, jetzt sah sie aber fahl aus und hatte einen grünlichen Stich. Er trug dasselbe wie letztes Mal.
„Konstantin, ich weiß nicht was ich sagen soll. Momentan ist alles so wunderlich, dass ich… wo soll ich anfangen? Hier stimmt etwas nicht!“, erzählte ich.
Konstantin trug ein Lächeln wie eine Maske: „Nun, da bin ich wohl etwas weiter als du. Fangen wir mit dem Vogel an. Gestern kroch er noch aus der Waschmaschine und heute erobert er schon die Lüfte. Ich frage mich was er gleich machen wird?“
Konstantin war schwachsinnig geworden.
Ich schüttelte nur den Kopf. Er kratzte seine Hände, seine Handrücken waren gehärtet und dunkel. Ich ignorierte ihn vorerst und nahm wieder das Tier ins Visier. Der Vogel spannte seine Flügel aus und sprang vom Dach. Er stürzte auf unsere Menge.
Panisch duckten wir uns.
Der Vogel flog über uns hinweg und eine titanische Brise fauchte durch unsere Mitte. Während noch alles auf dem Boden lag, schoss Konstantin hoch. „Es fliegt, es fliegt! Haha!“, rief Konstantin während er dem Vogel hinterher rannte.
Der Vogel raste in die Seitengasse, die für seine Schwingen viel zu sperrig war, sodass er diagonal flog. Konstantin war ihm dicht auf den Fersen, wenn man mal davon absah, dass er nicht mal halb so schnell war. Ich katapultierte mich hoch und lief ihnen hinterher in die Gasse, die man „Zum Erdloch“ nannte. Der Rest des Dorfes folgte mir in sicherem Abstand. In der Ferne stampfte Konstantin eindringlich über das mittelalterliche Pflaster und der Vogel brüllte wie der Donner. Sie verschwanden in der Ferne links in die Schererstraße, die noch wesentlich schmaler war. Als ich in die Straße einbog, sah ich die beiden und bemerkte, das der Vogel vielleicht 100 Meter vor mir etwas in die Luft zerrte. Es war schwer zu erkennen, denn der Rücken des Federviehs versperrte einen genauen Blick auf das Objekt. Ich bemerkte nur, dass es ein Knäuel Textilien sein könnte, da zweifelsohne einzelne grobfasrige Stofffetzen um den Vogel einen Reigen tanzten.
Ich hielt auf ihn an wie in einem Wahn, nur weil ich mir keine Gedanken zu der Gefährlichkeit vom Vogel gemacht hatte. Konstantin hatte ich fast eingeholt, so schlaksig wie er lief kein Wunder. Der Vogel schwebte noch ein paar Meter zum Ende der Straße bis er den Batzen fallen ließ. Dann stieg er senkrecht in den Himmel empor.
Konstantin fiel auf seine Knie und heulte in purer Verzweiflung. Seine Klage war schrill und wässrig. Ich stürmte nach vorn zu dem Batzen. Zehn Schritte hatte ich gebraucht, um wieder normal stehen zu können. Ein Dampfschwall begrüßte mich. Der Batzen lehnte an eine Ecke zwischen zwei Fachwerkhäusern neben einem Abguss. Die hellen Wände der Häuser hatten einen neuen Anstrich erhalten. Er war zweifarbig, rot und glänzend schwarz. Die Farben hatten sich gut vermischt und ergaben einen metallischen Rotton.
Der Batzen stellte sich als Erhard Grimm heraus, der alte Mann, der Konstantin von seiner Seinskrise erlösen wollte. Erhards Gesicht war beinahe unkenntlich und hätte ich nicht seine markanten Augenbrauen zwischen den tiefen Rillen in Haut und Knochen bemerkt, hätte ich ihn nicht identifizieren können. Die rechte Klaue des Vogels hatte sich zum Transport in sein Gesicht gekrallt, die linke hatte sich tief in den Bauch gebohrt und dort die Bauchdecke voll abgelöst.
Der typische Verwesungsgeruch setzt nicht auf der Stelle ein, das wusste ich als Akademiker, sondern benötigte einige Zeit Verwesung. Aus diesem Grund war diese Leiche absonderlich. Ein übler Gestank trat wie eine Gewitterwolke aus ihm raus und innen war alles bräunlich. Die verletzten Organe spien schwarze Flüssigkeit, die neben dem Blut aus ihm rauslief. Das Blut schien normal zu sein, doch die schwarze Flüssigkeit war dampfend heiß.
In den Resten seines Gesichtes fiel mir auf, dass das Gehirn lila war und merkwürdige Kanäle oder Röhren in es hineinragten oder aus ihm liefen. Als ich mich bückte um den Bauch genau anzusehen, dazu benutzte ich einen naheliegenden Stock, bemerkte ich etwas Schimmerndes.
Mit dem Stock schob ich die Fasern und das Gekröse der Bauchdecke zur linken Seite und wagte einen Blick in den Körper. Der Gestank war stechend mit einer Note von Benzin.
Ich erschrak.
Im Körper des Mannes waren Teile aus Plastik und Metall. Viele Organe fand ich erst gar nicht vor. Die Teile versagten eins nach dem anderen. Als das restliche Dorf angepoltert kam, waren sie ratlos. Nur war ich noch deutlich ratloser. In meiner Verwirrung wandte ich mich Konstantin zu, von dem ich aus irgendeinem Grund Rechenschaft für diesen Toten erwartete. Konstantins Wangen waren eingefallen. Die Augenringe waren jetzt noch deutlicher sichtbarer und schwerer. Konstantin sagte nichts. Er rannte einfach davon.
Die nächsten sechs Tage waren von einer Schwermut geschwängert, die die Welt blich. Die Leiche des alten Erhards war von Agenten in Schwarz abgeholt worden, doch selbst sie schienen überfordert und verwirrt von dem sonderbaren Opfer. Erhard blieb das Thema des Dorfes neben dem allnächtlichen Gesang, der die Bevölkerung in den Wahnsinn trieb. Alle waren müde und doch waren sie wie Maschinen angespannt die Wahrheit zu erfahren.
Ein Jedermann vermutete, dass Konstantin eine große Schuld trug, doch niemand wagte es mehr sich seinem Haus zu nähern bis auf meine Wenigkeit.
Am Samstag beschloss ich endlich, Konstantin einen Besuch abzustatten. Als ich vor sein Haus trat, begriff ich warum man ihm aus dem Weg ging. Sein Garten war ein Regenbogen geworden. Außerdem, Schnee. Verrückte Pflanzen und manische Pilze in den Farben Orange, Lila, Knallgelb, Türkis, Magenta! So viele weitere Farben. Die Pflanzen und Pilze waren übermannshoch und wuchsen zu einem natürlichen Bogen. Gestern war ich kurz mit dem Fahrrad hier, da waren es nur die Gartenzwerge von gestern gewesen und der alte öde Rasen. Die Pflanzen aus denen die Hecke bestand trugen Früchte in Formen, die ich noch nie vernommen hatte. Einige Früchte bildeten perfekte Pyramiden, Quader, verknotete Tori und auch ein Pentagondodekaeder. Eine Frucht war angeknabbert worden und zeigte Ähnlichkeit mit einem Granatapfel. Doch die rosa Samen waren sternförmig und wirkten spitz. Die Pilze dagegen sahen aus wie ein ganz gewöhnlicher Hallimasch, doch verriet die Färbung etwas anderes. Zudem lag unter jedem Pilz eine dicke Schicht Sporen wie Schnee. In diesen Sporen wateten Raupen mit einem fiesen Aussehen, da war an manchem Blatt schon ein Kokon gespannt.
Ich drang zur Tür vor, achtsam berührte ich nicht einen Teil der Flora, und klingelte Sturm. Auf der Stelle kam Antwort. Hinter der Tür stampfte es. Die Tür öffnete sich in einem kleinen Spalt. Das Türkettchen, das er zuvor als idiotischen Schrott bezeichnet hatte, fand das erste Mal Verwendung. Sein Auge schob sich wie ein Stiel aus dem Spalt. Dem Auge folgte ein Gestank von Verwesung und salzigem Wasser.
„Oh, dich habe ich gar nicht erwartet.“ Ich konnte meinen Blick nicht von seiner Haut abwenden. Sie stach stark grün und ähnelte der eines Hechts. Konstantins Augen hatten alle Klarheit verloren und waren schwarz geworden. Sie ragten so sehr vor, dass sie fast rauspurzelten.
„Guten Tag, Konstantin.“, grüßte ich unsicher. „Was ist mit deinem Garten passiert?“
„Ach, das ist nur die Flora von Gebemi, dem Wald der wundersamen Nüsse. Er gilt als einer der Schätze des tiefsten Kerns, verborgen in einer Höhle leuchtender Sonnen gedeiht er. Kapoyk Inhgania, das alles ist einfach daraus gekrabbelt. Es hat sich im Garten festgesetzt, da wage ich doch nicht es zu verscheuchen…“
„Konstantin!“, sprach ich bestimmt. „Dieses Buch scheint nicht normal zu sein. Du solltest es loswerden.“
„Nein, nein, nein!“, gellte Konstantin wie ein tollwütiger Affe. „Ich habe noch längst nicht alles entschlüsselt! Dieses Buch… es hat mir einen Weg gezeigt meine Krise zu überwinden, Gräti zu übertreffen! Ich arbeite dran. Es ist gut, dass es nicht normal ist. Normalität ist eine falsche Wahrheit, doch in dem Buch steht nur Wahrheit, Echtes! Wahrheit hat solch eine Stärke! Mit jedem Satz, den ich aufnehme, werde ich mehr zum wahren Menschen, nein, zum wahren Wesen!“ Die Tür zwischen uns verhinderte, dass ich ihn durchschüttelte.
„Konstantin, ich rufe mal lieber die Polizei…“
„Wah! Nein, du Schwein! Verräter! Unwissender! Ungläubiger!“, bellte er und schlug die Tür schlicht zu. Konstantin lief Konfrontationen grundsätzlich aus dem Weg. Ich klopfte noch etwas, doch ich scheiterte an seiner Sturheit und gab auf. Allerdings nicht ohne einen Plan.
Am nächsten Morgen näherte ich mich dem Haus. Der Gesang war nun auch tagsüber zu hören. Er hatte sich verändert – durchdringender, wässriger, aber nun klang er nach etwas, was mehr als bloßer Buchstabenbrei sein könnte und einer Sprache ähnelte. Ich verstand nichts, doch die dröhnenden vielleicht männlichen Stimmen schienen um Gnade zu winseln. Ich achtete nicht sehr auf den Gesang, sondern rannte nur zur Tür. Den ganzen Morgen über funktionierte die Telefonleitung nicht und mit einer Brechstange beschloss ich Selbstjustiz walten zu lassen.
Ich fürchte um Konstantins Wohlergehen, dass er selbst nicht mehr bewahren konnte. Der Garten war nun überwuchert und griff nun den Belag der Straße an. Neues war dazu gekommen, welchem ich natürlich wie gestern auswich. Einige Schmetterlinge flogen herum, die groß wie die riesigen Atlasfalter waren. Die Schmetterlinge glänzten silbern und hatten blutig rote Augen. Als ich mich näherte, verschwanden sie aber ins Dickicht des werdenden Waldes.
Sofort knackte ich die marode Tür, die kampflos unterlag. Mit dem dumpfen Aufprall der Tür war ein neuer Abschnitt des Abenteuers eingeleitet. Vor mir sah ich den Flur, den ich noch aus Studententagen kannte, der jetzt aber kaum noch erkennbar war. Als Professor hätte ich mir gewünscht, dass er freundlicher wirkte. An den Wänden und der Decke wuchsen Kletterpflanzen aller Arten und der Boden war mit flauschigen Flechten ausgelegt. Die Luft war feucht wie ein Putzlappen und voller Sauerstoff. Überall kreuchten Insekten, Spinnentiere und Tausendfüßer herum. Eine azurblaue Dschungelkrabbe mit spitzen Stacheln auf dem Panzerrücken groß wie ein Igel spazierte am Ende des Flurs von der Treppe nach oben zu der Treppe nach unten.
„Konstantin?“, rief ich mit der größten Unsicherheit, die ich jemals hatte.
Keine Antwort. Ich wiederholte lauter, doch es kam nichts zurück. Mit verschwitzten Händen umklammerte ich mein Brecheisen. Es war mein einziger Schutz gegen die Viecher hier. Sollte es bei Tieren bis zur Größe eines Igels bleiben, hatte ich nicht zu befürchten. Ich erinnerte mich an den Vogel. Es gab zwar keinen Beweis, doch ich war fest überzeugt, dass er aus dieser Welt hier stammte. Ich wägte kurz ab ob ich das Risiko einging. In meinem Dilemma bot mir etwas Antwort.
Ich hörte meinen Namen im Gesang. Ich hörte nur noch meinen Namen. Der Gesang bestand nur noch aus einer Aneinaderkettung meines Namens. Es verlangte nach mir. Ich nahm einen Schritt nach vorn und dann folgte auch schon automatisch der nächste. Meine Schritte nach vorne wurden von etwas unsichtbarem geleitet, fast war es so als hätte eine Hand mich geführt. Blätter rollten mir durch das Gesicht. Der Flur war gänzlich durchwuchert und so eng, dass ich mich versuchte zur Diele durchzuschlagen. Meine Hände wurden zu Pranken, die wie Macheten meinen Weg durch den Saum des Waldes ebneten. Mit jeder Ladung Pflanzenmaterial stürzten tausende fremde Gliederfüßer mit zu Boden, die auf der Stelle Schutz im dunklen Gestrüpp suchten. Der Eingang zur Diele wurde bewacht von Farnen, deren dicke Holme sie fast zu Bäumen machte. Ich kroch durch die Blätter, die auch bei nur sachter Berührung sich zu den Seiten bogen und eine Tür öffneten.
Mein erster Schritt in der Diele fühlte sich als erster heute sicher an. Die Diele war ein Wald geworden und schon mancher Baum sprengte bald die Decke. Bis zu den Knien wuchsen duftende Kräuter und Pilze, die wie Hocker waren. Spinnennetze tief wie Mülleimer waren in den Ecken und gaben Einsicht auf ihre Bewohner, großen giftigbitteren Spinnen mit Malen, die in der Natur Warnfarben darstellten. Ursprünglich stand hier mal eine wuchtige Kommode, aus der jetzt jedoch der Stamm einer Palme gesprungen war, die alle Schubladen ausgestoßen hatte. Nur eines wies darauf hin, dass vor kurzer Zeit hier noch Menschen waren.
Eine Tafel stand in der linken hinteren Ecke des Raums. Schlingpflanzen schlangen sich zwar schon um die Beine der Tafel, doch sie hatten sich längst noch nicht hochgekämpft. Ich hatte versucht sie zu verschieben und es war noch möglich. Sie war längst noch nicht festgewachsen. Die Tafel war vollbeschrieben und zeigte etliche Kladogramme der Wirbeltiere. Links war die Taxonomie der Fische abgebildet, genauer das Problem, ob Kieferlose schon primitive Fische sind. Sicher waren Kieferlose wie Gräti, der ihm Übrigen für diese Klasse Pate stand, Chordatiere, doch wo hörte das ursprüngliche Chordatier auf und fing der Fisch an? Konstantin war zu keiner Antwort gekommen und hatte mehrfach neu rote Abgrenzungen gezogen. Den ersten Fisch hatte er nicht ausmachen können. Das Kladogramm daneben stellte den Stammbaum des Menschen dar. Ich kannte das Kladogramm aus dem Biologieunterricht. Doch dieses war erweitert worden. Die Blase, die den Homo sapiens sapiens darstellte, verflüchtigte sich oben hin zu einem Flaschenhals der extrem fragil und schmal war. Auf diesem Flaschenhals saß eine kleinere, aber glänzendere Blase, die mit dem Schriftzug „Wahre Menschheit“ versehen war.
Er träumte vom Übermensch. Doch er hatte dafür einen neuen Namen. Das nahm ich zumindest an. Es war eine philosophische Frage, was denn ein wahrer Mensch ist. Ich wusste nicht genau, was er damit meinte. Darunter stand aber noch etwas. Vermutlich ein Name. Beogh Iaq, Königin der Dummen. Zu dem Namen stand da sonst nichts. Nur ein Pfeil in dicker verschmierter Kreide richtete sich von dem Namen zu der Blase der wahren Menschen. Der Name sagte mir nichts. Ich zückte mein Handy, doch das Internet kannte den Begriff nicht. Ich vermerkte ihn in der Notizfunktion meines Mobiltelefons. Warum war sie die Königin der Dummen? Was sollte das bedeuten? Fände ich Konstantin, wollte ich ihn darauf ansprechen. Ich schweifte noch mal über die Tafel, doch da stand sonst nichts was ich für wichtig hielt. Ich drehte mich um und richtete mich in Richtung Esszimmer.
Die Tür zum Esszimmer war zum ersten Mal geschlossen. Daran hing ein Poster. Er hatte es selbst gestaltet. Da war ein Ring mit acht Schildern abgebildet, oben rechts stand „Die gebende Schabe“. Meine Augen wurden zu Schlitzen. Da ich aber nicht ansatzweise wusste, was das heißen sollte, ignorierte ich das und öffnete die Tür. Die Tür öffnete sich nur sperrig und auch nur mit dem gequälten Gekreische kleinster Tiere, die ich dabei versehentlich im Spalt zwischen Tür und Grund zerrieben hatte. Unter meinen Füßen war nun manches Blatt an den Spitzen rot getüncht. Mit der offenen Tür war der Gesang noch stärker geworden und mein ganzer Körper vibrierte von unten nach oben und wieder zurück. Ich hatte einen flauen Magen wie nach einer Achterbahn. Meine Muskeln versuchten rauszulaufen.
Dann blieb ich stehen. Ich nahm die Hand vor meinen Mund. Ansonsten hätte ich wohl geschrien. Ich hatte davor schon gewusst, dass etwas nicht stimmte, aber jetzt war jegliche Rationalität zum Erliegen gekommen. Vor mir war ein Loch wie ein Krater eines Meteorits. Woher kam es? Hatte es es schon immer hier unten gegeben? Der gigantische Hohlraum war so gewaltig, dass ich sein Ende nicht überschauen konnte. Ich stand am Rand. Hier im Esszimmer war die Hälfte des Raums weggebrochen und in das Loch gefallen. Von der ursprünglichen Einrichtung stand hier nur noch ein Stuhl, über den Stummelfüßer dick wie Weißwürste krabbelten. Ich schaute hinab. Mindestens 200 Meter, wenn nicht 300. Tiefes Grölen drang nach oben und drückte in aller Lautstärke meine Wangenhaut nach hinten. Den Urheber konnte ich nicht ausfindig machen. Vor mir war nur eine unendliche grüne See aus Bäumen. Dicke Nebelschwaden erzeugten eine Bewegung, die Wellen glich. Das alles hier unter unserem Dorf.
Ich legte mich auf den Boden. Nur mein Kinn hing jetzt in der Luft, mein Körper lag flach auf dem Parkett, das mittlerweile faulte. So konnte ich bis in den nicht vorhandenen Horizont blicken. Je weiter ich blickte, desto dunkler wurde es. Da war kein Ende in Sicht. Links und rechts. Nur Blätterdächer. Die Klippe, der Zugang nach unten, war längst von Lianen angegriffen worden. Nur noch wenige Meter und sie ermöglichten wie Enterhaken die Erstürmung des Hauses. Mein Mund war so aufgerissen, dass ich Fliegen hätte fangen können. Fassungslos stand ich auf. Eher stieß ich mich nach oben. Der Wald kam.
Wie war das da unten entstanden? Es war keine direkte Antwort, doch rechts, zuerst hatte ich unter Moosen es übersehen, war ein Rohr, das in die Schlucht führte. Auf Hälfte der nicht bewachsenen Strecke endete es und spie finstere Ranken aus, die mit allerhand Pilzen und Pionierpflanzen ausgestattet waren. Diese Ranken fielen bis in die Blätterdecke, die nur an der Stelle perforiert war. Das Rohr war an sich dicht, doch es hatte ein kleines Leck aus dem schwarze Tröpflein kamen, die dampften. Dem weißen Rohr dichtete ich an Schuld an der Überwucherung zu haben. Das Rohr stammte aus dem Wohnzimmer. Genauer war es durch ein Loch in der Erde verlegt worden, das ungenau und mit Brocken als Abfall geschlagen war.
Ich schlürfte am Rohr entlang in das Wohnzimmer. Abermals war da eine kräftige Wand aus Halmen, die eine Art Netz bildeten. Ich ging einen Schritt zurück, dann schlüpfte ich mit einem beherzten Sprung durch das Gewirr. Ich plumpste mit einem Krach auf den Teppichboden, der alles erschrak und in die Flucht versetzte. Das erste was ich da, war eine zur Seite gelegte Fangschrecke, die mich mit aller Wut anfauchte. Das Tier hüpfte davon und langsam erhob ich mich von dem Blätterbett.
Zettel. Überall Zettel. An den Wänden, an den Stämmen, am Glas… überall klebten Zettel. Der Raum war so bewaldet wie auch die anderen, doch war er weiß eingekleidet. Die Zettel beinhalteten allesamt Texte, die oft biologischer, hin und wieder mechanischer und hier und da auch esoterischer Art waren. Selbst ein paar Stellen des Bodens waren abgedeckt. Nur zwei Dinge waren nicht in Zettel gehüllt. Die Maschine, zu der das Rohr gehörte, und ein Podest aus Marmor und vergoldeten Ecken.
Darauf thronte das Kapoyk Inhgania und lag da aufgeschlagen. Das Podest stand am Fenster und zwischen den wenigen Schlitzen strahlte starkes Licht. Es lag da wie ein Buch Gottes in erleuchtendem Schein und doch war mir klar, dass es die Wurzel allen Bösen hier im Ort war. Eine mittlere Seite war aufgeschlagen und Schlieren weißlicher Energie schlängelten sich zu allen Seiten. Der Text stach in den Augen. Meine Sicht brannte.
Ich wandte mich ab und sah mir lieber die Maschine an. Mit dem Buch verband ich üble Erfahrungen. Die Maschine tat meinen Augen gut, aber nicht meinem Verstand. Sie war anders als alles was ich kannte. Das Rohr entsprang der rechten Seite. Die Maschine war ein riesiger Quader auf dem auch ein Aquarium war. Geschmolzenes Fleisch hing in Laiben vom Glas und lag auf dem Boden. Die Maserung war einer heftigen Verätzung ausgesetzt gewesen und das Fleisch wirkte wie gezerrt. Wie ausgedrückte Schwämme war aus ihnen ein Saft ausgelaufen, der rötlich schimmerte. Das Fleisch dürfte nicht sehr alt gewesen sein, denn es roch noch ansatzweise neutral. Darum war ein Kranz gelegen, der aus Fasern und, ich denke, Haaren bestand. Ich nahm etwas davon in die Hand. Sie waren hell und fettig. Als ich sie losließ hinterließen sie eine Spur Öl an meinen Fingern. Rote und dunkle Flecken verschmutzten wie Sprenkeln Acrylfarbe den Fuß der Maschine. Ein Schnürsenkel war zwischen meinen Beinen. Er badete in den angetrockneten Flüssigkeiten.
Im Aquarium fand ich nichts. Es war groß, länger als meine ausgestreckten Arme und es reichte bis zum Dach. Der Boden war mit feinem Sand aufgefüllt und ein verdrehter Fels mit zahlreichen Höhlungen besetzte die Mitte des Aquariums. Das Wasser, das war schon das seltsamste, roch ein wenig wie Eisen und es war nicht ganz klar, sondern leicht, nur ganz leicht, getrübt, fast nicht sichtbar. Die Maschine schien zum Aquarium zu gehören. Ich bückte mich. Da waren drei Türen, sie ähnelten den gläsernen von Waschmaschinen. Über ihnen war ein Stundenzähler. 206. Ich schaute hinein. Drinnen war die Maschine zart rosa. Im ersten Fenster waren einfach nur Stangen, im zweiten war rein gar nichts. Durch das dritte Glas sah ich allerdings etwas. Da war ein kleiner Vogel oder etwas, das mal ein Vogel sein wird. Er schwamm eingekugelt auf immer derselben Höhe. Ein Kabel zum Bauch schien ihn zu versorgen. Er sah mich an. Seine Pupille suchte nach meinem Gesicht, nein, nach einem anderen Gesicht. Ein Zettel hing neben der Tür.
Lophopsittacus mauritianus.
Psittacus hieß Papagei, doch trotz meiner reichen Kenntnisse wusste ich nicht aus dem Stegreif, was das für ein Vogel sein könnte. Mauritianus… Die Insel etwa? Ich hatte da mal etwas von einer Vogelfauna gehört unglaublichen Ausmaßes auf der Insel Mauritius. Nur wusste ich mit Sicherheit, dass da kein solches Tier lebte. Oder ich kannte es nicht.
Ich stand wieder auf. Konstantin hatte sicherlich die Maschine gebaut. Auf den Zetteln der Umgebung stand nicht, was es war. Um die Maschinen lagen Karten mit Tierprofilen. Es waren zum Großteil Wirbeltierarten. Einige waren mir gänzlich unbekannt. Annakleidervogel, Japanischer Serischie, Sardischer Pfeifhase, Baruuke, Magenbrüterfrösche, Rüsseltaucher, Rodrigues-Riesengecko, Ascension-Todeskralle, Tobias-Köcherfliege, Gottmanns Flügel.
Es dämmerte mir.
Mir war klar geworden, was das hier war.
Nur gab es da eine Kleinigkeit: Wie hatte es Konstantin geschafft? Die besten Forscher saßen daran und hatten noch keine nennenswerten Fortschritte gemacht.
Plötzlich wand sich ein stromlinienförmiger Körper aus dem Fels. Das Wesen war monochrom platt chromfarben und hatte den Aufbau eines Fisches. Vorne hatte es aber Tentakel oder Antennen und zwei Reihen Füßchen oder sowas auf der unteren Kopfseite. Ich näherte mich dem Glas. Ich berührte das Glas. Das Tier schwamm zu mir. Es schien vor mir kommunikativ zu tanzen. Kurz waren wir in irgendeiner Erfahrung verbunden. Das Wesen sauste wie ein Aal durch das Wasser. Es blieb allerdings immer in meiner Nähe. Es wollte mein Freund sein. Irgendwie fand ich es gut. Ich wäre gern sein Freund gewesen. Das Wesen freute sich, glaubte ich. Dann verschwand es wieder in seiner Ritze.
In der Schwüle der Tropen äugte ich das Buch an. Das Buch schien etwas zu wollen. Einen eigenen Plan, eine eigene Agenda. Es hatte eine fremde Saat gestreut. Da waren Dinge herausgekommen, die nicht von dieser Welt waren. Die Pflanzen des Vorgartens… irdisch waren sie nicht. Hier und da wuchsen überall Pflanzen und Pilze, die irgendwie anders waren. Auch der Krebs und die Fangschrecke waren einfach falsch. Konstantin hatte sich mit Kräften eingelassen, die er nicht kontrollieren konnte. Im Erdgeschoss schien er nicht zu sein. Der Gesang war verschwunden, seitdem ich das Buch vor Augen hatte. Vielleicht war er im ersten oder zweiten Stock? Trotzdem stand ich wie angewurzelt. Dieses Buch ließ mich nicht in Ruhe. Ich wollte Antworten. Ich wollte es wissen. Ich verdammte diesen Folianten. Ich trat an das Podest. Eine Art Kribbeln begrüßte mich. Meine Augen weiteten sich und die Adern in meinen Augen verbreiteten sich. Trotz der drückenden Hitze war mir auf einmal unglaublich kalt. Gänsehaut.
Das Abbild auf der Seite wog in der Luftströmung. Es war ein Bild der Maschine, die hier stand. Dabei versengte mir fast die Gesichtshaut. Ich bekam Kopfschmerzen, die so wild waren wie die Schriftzüge des Buches. Da steckte links ein Marker drin, ich schlug die Seite auf. Meine linke Hand war wie vom Blitz getroffen. Da waren Abbildungen von einem Wald bestehend aus Pflanzen, die wie Trauben Kugeln statt Blätter ausbildeten, in denen ein Fisch durch die Mitte flog. Die Bäume leuchteten in einer starken Farbe und der Fisch sprang vom Papier in die Höhe und streifte meine Nase.
Verflucht! Ich hatte es verstanden!
Mit Blut an den Wangen wandte ich mich ab.
Als ich meine Hände wegnahm, offenbarte sich mir das blanke Entsetzen. Ein haariger Berg war vor mir. Er keuchte wie eine Dampfmaschine. Es war ein Tier, ein Biest. Die Augen waren wie Steine aus Jett, das Maul war eine Schlucht und die Zähne standen geordnet wie die Stacheln eines Igels, doch waren sie lang wie Steakmesser. Er hatte die Größe eines Traktors und beschädigte die Decke. Speichel tropfte auf den Boden als benutzte man eine Gießkanne. Es scharrte mit seinen dunklen enormen Krallen mit den roten Spitzen durch das Parkett einen Graben.
Das Tier fletschte die Zähne, leider hatte ich im Schreck Augenkontakt erstellt.
Dann sprang es.
Mein Leben lief an mir vorbei. Meine Kindergartenzeit, die Schule, das Studium. Die letzten Tage waren besonders intensiv. Die Zeit schien festzustehen. Konstantin, der böse Prophet. Der Wald der Verwirrung. Der Wald der Erkenntnis. Die Leichen der Heiligkeit.
Diese ganze Erfahrung wurde überschattet von einem Satz: „Vfahu Kerrah ged.“ Es war das einzige an geschriebenem, was ich verstanden hatte. Ich lächelte krank. Es war einer dieser Momente, in denen dein Tod herrlich nah war. Da war nur noch eine staubtrockene Hoffnung. Ich schrie den Satz, dann wäre ich wenigstens mit etwas mystischem im Munde gestorben.
Eine Leichtigkeit durchströmte den Raum.
Das Buch schlug zu.


Hüfttief in der Scheiße


Worin stecke ich bloß? Scheiße, ich stecke im Sumpf. Bis zur Hüfte füllt mich das Wasser ein, es ist dunkel und riecht erdig. Kacke, wirklich warm ist es nicht grade, meine Zehen werden bald anfangen zu frieren. Und außerhalb, puh, 30 Grad Celsius und 100% Luftfeuchtigkeit, ich schwitze Wasserfälle und verschlimmere meine Situation. Mein rechter Fuß steckt in einigen hölzernen Schlingen im dunklen zähflüssigen Grundschlamm. Zwischen meinen Zehen versammeln sich böse Schlammfischchen, die nach einer Heimat suchen in meinem betäubten Fuß. Da kriege ich die Krise!
Ich wollte nur mal kurz am Ufer eine Krabbe mit meinem fetten Jagdmesser ausnehmen, da stolpere ich über diesen dummen Stein.
Blps, da bin ich schon drin in der scheiß Brühe.
Was jetzt, gottverdammt? Ich versuche mich heraus zu winden, aber ich verheddere mich einfach noch heftiger in dieser beschissenen Pflanze! Vermutlich sind das bloß einige Wurzeln, die einer Wasserpflanze angehörten.
Verfickte gottverdammte Dreckssituation! Ich will raus, Jesus Christus, verdammt!
Hm, jetzt stecke ich hier fest. Kann ich unterkühlen, wenn nur meine Beine im Sud sind? Immerhin friert doch das Blut in meinen Beinen zu einem Feststoff, da sollte doch die Blutzirkulation zum Erliegen kommen. Oder?
Werde ich, werde ich sterben?
Nein, nein, ich werde bestimmt gerettet von netten Bewohnern des grünen Herzens. Oder von irgendwelchen Kartellspastis. Mist, dann könnte ich ja eine Geisel werden oder sie verbrennen mich in einem Fass mit siedendem Diesel. Nee, ich bin ja in Asien. Vielleicht kommen ja noch ein paar Wanderer oder so. Naja, nicht sehr wahrscheinlich im tiefsten Walde.
Okay, jetzt mal logisch und mit kühlem Kopf nachdenken… Wenn ich an mein Jagdmesser käme, könnte ich mich befreien, oder? Nun, ich müsste mich bücken, mein Kopf wäre unter Wasser. Oh nein, so könnte ich auch ertrinken. Da mache ich mir ja in die Hose, allerdings brauche ich das Wasser zum Schwitzen. In meiner Not habe ich unterdessen beiläufig einige Blätter zu Körben geflochten. Sie fangen den Tau auf und gewähren mir einen kalten Tropfen Kelchwassers. Der eisige Tropfen rinnt meine Kehle wohlig hinunter. Prächtig! Verdursten werde ich schon mal nicht.
Verhungern auch nicht, bis dahin bin ich sicher frei. Notfalls fresse ich einige dieser Kröten im Sumpf hier. Roh ist mir zwar nicht so lieb, aber man kann sich ja nicht sein Glück aussuchen. Froschschenkel werden doch ständig zu horrenden Wucherpreisen verkauft, hey, ich komme dem entgegen und besorge sie umsonst vom Büffet des Urwaldes. Oh, da habe ich schon einen im Mund. Er ist glibbrig und schlippt durch meine beiden Lippen. Die grellgefärbten Zehen gucken raus, doch ich sauge sie wieder hinein in meinen Mund. Heißes Blut füllt meinen Gaumen und wärmt meine Seele. Das dicke Vieh rutscht meine Speiseröhre hinunter. Ein Rülpser folgt als Bestätigung. Lecker. Ich würde überleben. Denn wie schon Alkman, der Allesfresser, bin ich mitnichten wählerisch und ich kann gewiss ihn zu meinem Bruder im Geiste zählen. Ob ich nun in der Heimat Spinattaschen speiste oder im tiefsten Urwald das Mark aus den Knochen eines kleinen Amphibiums sauge, es bekommt mir. Stecke ich nun auch noch so tief im Morast, an Nahrung mangelt es mir keineswegs.
Ich bin optimal angepasst und gedeihe selbst unter den rauesten Bedingungen. Nur muss ich mich hüten vor der Macht des Wassers, denn eines war dem Menschen unmöglich – die Körpertemperatur ohne Schutzmaßnahmen im lauen Wasser zu halten. Doch rechne ich nicht mehr damit so schnell den Kältetod im stickigen Forst zu sterben, ich habe genug Zeit. Meine Nieren waren außerhalb des Sirups, so zäh war das sumpfige Wasser.
So, jetzt nur noch eins.
Die Langeweile besiegen. Ich starre die blöden Baumstämme an, doch sie wollen mir irgendwie nicht helfen. Ich streiche mit meinen Fingern über die Sumpfoberfläche. Nur langsam flacht das Wasser wieder zum Urzustand. Die Sonne steht zur Mittagszeit. Wie zur Hölle soll ich mich retten? Wer wird mich holen? Vielleicht werden sich Blutegel in mich hinein graben. Die Schächte werden mir das Bein abschaben! Noch fühle ich nichts, aber sie haben doch solche Enzyme im Speichel, die Schmerz hemmen. Himmel, ich werde ausgesogen! Leer wie der reiche Berg, der seiner Rohstoffe so sehr beraubt wurde, dass er eine Hülle als Panzer und ganze Existenz herausgebildet hat.
Jetzt im Moment, oh mein Gott, das war doch eine… Schlange, ein Aal, etwas Längliches.
Ganz ruhig, Pascal, ganz ruhig. Du stehst das durch… Jemand wird kommen und dich retten. Nur wer? Die Schriftstellerin Felicitas Hoppe ist wohl die einzige, die Pascal Brittae kennengelernt hat, auch wenn sie nicht erkannt hat, dass ich es war. Nur habe ich bloß etwas zu ihrem Werke nachgefragt und es war nur eine einzelne Frage, bestimmt kann sie sich nicht an mich erinnern. Ich bin doch nur ein literarisches Ich. Wie dieses Wasser hier, dieses unbändige Wasser.
Scheiße, da müssen die kommen, die mich unter meinem wahren Namen kennen. Nur können sie mir grad nicht helfen, da ich doch grade Pascal Brittae bin!
Oh ja, scheiße, scheiße, scheiße.
Leise kriecht die nackte Panik meine Wirbelsäule hinauf und Augen so offen wie Untertassen zu einem zitternden Lächeln zieren mein Gesicht. Der Angstschiss will entfleuchen, doch die Kröte ist längst noch im Magen. Ich nehme tiefe Züge aus meinen Blätterkelchen. Es beruhigt nur wenig. Ich schließe die Augen und auch den Geist.
Nichts.
Nichts.
NICHTS.
Ich öffne sie beide wieder. Der Urwald erdrückt meine Wahrnehmung wie eine schwere Wolke aus nasser stinkender Wolle. Ich atme einen dicken Schwall träger Luft ein. Es ist als hätte ich grade ein ganzes Schwein verschlungen. Das alles hatte keinen Hand und Fuß. Ich stehe immer noch in diesem Dreck. Ich hebe mein linkes Bein, das frei ist und rühre damit im Wasser. Es ist breiig. Ich bewege die Zehen meines rechten Fußes und strecke sie weit vom Kern. Sie leben noch, wenn auch völlig aufgeweicht. Ich wische den Schweiß aus meinem Gesicht.
Mensch, M., L., J., P., A. und so weiter… wo seid ihr denn?
Ich brauche eure helfenden Arme und zwar jetzt. Ich habe Beweise für Außerirdische, ganz viele, in meiner Tasche! Holt mich Men in Black, nur holt mich hier aus diesem Matsch!
So verkomme ich also, einbettet in einem teigigen Sarg, der viel zu klein für meinen Körper ist. Mich überkommt die Müdigkeit der Tropenschwüle, die versucht mich in das Reich der Träume zu überführen. Der Schlaf ist der Tod, Stillstand ist der Tod, wenn ich denn zur Statue verkomme in diesem dunklen Sumpf, dann in der Form der Frau des Pygmalions.
Ich sieche, ich sieche, in den finsteren Schlund hinein.
Ich sinke.
Nein, ich darf nicht sinken. Für M., L., J., P., A., meine Zeit ist längst nicht reif. Ich drehe mich zu allen Seiten und suche nach Erlösung aus meiner Schlinge. Da ist doch nichts, da ist doch nichts. Wie entkomme ich bloß? Ich ziehe wie ein Bulle, doch mein Fuß gleitet nicht hinaus.
Keine Sorge, keine Sorge. Ich komme hier schon irgendwie raus. Ich habe meine Kröten und mein Wasser. Die Schlinge kann meiner steten Krafteinsätze nicht ewig standhalten. Ja, ich darf jetzt nicht aufgeben, ich kann sie doch nicht allein lassen. Ich schaffe das schon, zwar weiß ich noch nicht wie, aber das wird schon. Ja, ich halte hier noch etwas aus.
Ich werde das hier überleben.


Doch als dann anbrach die finstere Nacht, hat mich doch ein Tiger umgebracht.


Der Türsteher und wir


Der herbe Geruch von Gras hatte die Luft gefickt und sie mit prallem Bauch zurückgelassen. Lukas, sein Freund den man nur Iggy nannte und ihr treuer Affe Martin standen vor den Türen des Clubs. Der Club war bekannt mit feuchtfröhlichen Flittchen für jeden nur so umher zu schmeißen. Drinnen wurde getanzt, man konnte den Schweiß förmlich riechen. Die Schlange davor war viel zu lang und sie konnten nicht abkürzen, da sie nicht die nötigen Titten besaßen. Endlich kamen sie dran. Der Türsteher war ein finsterer bulliger Mann, seine Glatze war wie frisch gebohnert. Lukas und Iggy wurden durchgelassen, kein Problem, doch als Martin einzutreten versuchte, fiel der Schlagbaum Arm ihm vor den Gang.

„Moment, du kommst nicht rein.“, befahl der Türsteher ohne einen Befehl auszusprechen.

Martin entgegnete: „Uh-ahah, uhhhh-uh-uh!“

Der Türsteher schüttelte den Kopf, da war nichts zu machen.

Mit probiertem Anstand mischte sich Lukas ein: „Gibt es ein Problem?“

Der Türsteher klopfte auf eine Tafel an der Wand. Er zeigte auf die Hausordnung, Punkt sechs: Keine Drogen. „Euer Affe steht unter Drogeneinfluss.“

„Schwachsinn! Das ist ein vernünftiger Schimpanse.“, warf Iggy ein.

„Von wegen, ich erkenne doch einen Kokser, wenn ich ihn sehe! Dieser Affe ist vollgepumpt bis zu den Ohren mit Kokain!“, behauptete er. Martin flehte, dass man ihm glaubte: „Uh, uh, ahh-ahhh, i-bi!“

„Nichts da.“, entgegnete das Arschloch von Türsteher.

Lukas, schon immer hatte er ein freches Maul, war sich sicher, dass er die Situation retten könnte: „Martin ist immer was geladen und ja, manchmal spackt er, doch das ist seine Art, der ist halt was verrückt. Er ist halt so.“ Martin uhte. Ein böser Blick. Iggy wollte schon mit seiner Weltverschwörungsscheiße anfangen, doch Martin hielt ihn zurück. Sie wollten doch nur mal eben den Club abchecken und jetzt beleidigte schon jemand ihren Freund als Koksleiche. Schweinerei. Martin bat an zu beweisen, dass er nicht auf Koks war.

Der scheiß Türsteher ignorierte ihn. „Hey, geht es da mal weiter?“, brüllten zwei blondierte Tussen hinter ihnen.

Iggy winkte ab: „Ja, gleich. Wir klären das noch.“

„Hä!? Nicht gleich! Jetzt!“, spuckte sie beim Sprechen.

Lukas bestimmte sie – sie waren dumm und einfältig, in einer von ihren Muschis würde er heute noch landen. Martin wurde traurig, er wollte doch, dass sie fett saufen und Schlampen nageln könnten. Lukas beruhigte ihn, es war nicht seine Schuld, dass der Abend abschmierte, sondern die des beschissenen Türstehers. Iggy sah wie Martin mit den Tränen kämpfte und wagte das Unfassbare mit schussbereitem Zeigefinger: „Hey, lass uns rein! Dieser Affe, dieser wunderbare Affe würde niemals Drogen nehmen. Er ist besser als alle in der Schlange zusammengenommen!“ Der Affe lauste ihn zum Beweis und aß ein Insekt wie ein Großer.

Der Türsteher grinste höhnisch.

Ein Mann drang vor: „Ich will rein.“ Der Türsteher machte klar, dass er das noch zu klären hatte. Der Mann, ein geborener Nichtsnutz, trommelte auf seine Brust und zog eine schmutzige Packung Zigaretten raus. „Auch eine?“, bot er Martin an.

Martin schrie: „EHHHH!“

„Junge!“, bellte Lukas, „Das ist ein braver Affe! Er nimmt keine Drogen. Lass ihn in Ruhe!“ Der Nichtsnutz zeigte seine gelben Reste, die mal Zähne gewesen waren, und verneinte: „Ihr Spasten lasst mich warten, da höre ich ja wohl nicht auf euch. Hier du Vieh, nimm eine Fluppe.“ Iggy und Lukas erschraken vor den nächsten Sekunden. Der Affe sprang ihn an und ohrfeigte die Scheiße aus ihm raus. Der Raucher krepierte binnen Sekunden und füllte im Tod mit seinem ausgreifenden Sterben den größten Teil des Gehwegs. Sie ließen ihn liegen, schließlich hatte er es verdient.

Danach richtete man seine Aufmerksamkeit wieder dem Türsteher. „Ihr kommt nicht rein.“, er zuckte mit den Achseln.

Lukas zückte einen Papierschein und steckte ihn ihm zu. Dieser steckte ihn ihm zurück. Er nahm einen größeren Schein, doch prallte ab an einer Hand als Wand. Bestechung war nicht. Martin tröstete sie: „Uh… uh…“ Mist, wie kam man da vorbei? Die beiden Jungs beschlossen aufzugeben, so sehr hatten sie sich darauf gefreut, dass sie jetzt freiwillig auf willige Fotzen verzichteten. Martins Augen wurden groß und gläsern, Tränenflüssigkeit überzog seine Augen als Film. Die Trauer war unerträglich.

Martin schloss kurz.

Der Affe drängte sich durch die Menschenmenge, bremste vor einer geleerten Stelle und zwar so, dass der Türsteher ihn gut sehen konnte und holte sich mit der rechten Hand einen runter. Um seine unangefochtene Dominanz zu demonstrieren masturbierte er wütend vor aller Augen. Niemand wagte es irgendwas zu sagen, nicht mal ein unbedeutendes Labern in der hintersten Reihe störte die Stille. Der Affe heulte singend mit einer Lautstärke, dass die Fensterscheiben jämmerlich klirrten. „Uh-uuuuuuh, bu-bu, wuuu! Ah, ah, ah!“, schrie der Affe und verkündete seine grenzenlose unantastbare Macht. Mit einem herrischen „Ahuuuuuu!“ goss eine Ladung äffischer Fruchtbarkeit auf den vom Alkohol schmierigen Asphalt.

Martin lächelte schelmisch zum Türsteher. Der Türsteher, schwer beeindruckt, wich erschrocken zurück. Der Affe hatte ohne Zweifel die dicksten Eier hier. Die Tür schlug auf, es krachte. Ein Schimpanse kam heraus, im Gegensatz zu Martin trug er aber kein gewöhnliches grünes T-Shirt und eine normale Jeans, sondern einen roten Anzug aus feinstem Lamazwirn und ein Monokel zu einem spitzen Schnäuzer. Der Zylinder war das Zeichen, er war der Chef des Ladens. Er hieß Ferdinand.

„Ahuh ahahhu?“, fragte der Besitzer die Beteiligten. Alle redeten durcheinander, dann erlaubte er nur noch Martin zu sprechen. „Uhuh, gaga, iheh, ahuhu, a-a-a, ba i ih eh eh ehe.“, verteidigte sich Martin.

„A-ah ihhh oo-uh ga-a bahahaha eh?“, bekam er als Antwort von Ferdinand, der sich mit seinem Monokel geil vorkam.

„Ja-ah ah eh ba eh eh ih! Bo-oh oh ah ich ehh!“, sagte Martin sachlich.

Erstaunlicherweise kam Verständnis von Ferdinand: „Uh ah ba-a-ich eh oh oho u aah. Ahu ahu ba-e-i oh ho ohu. A-a-a-a-a-a-a-ah ih eh uhhh?“

Unglaublich, er lud sie ein! Vorbei an diesem behinderten Glatzkopf. Er öffnete die Türen für sie. Sie sollten hinein kommen, heute waren sie Ehrengäste. Sie rasten rein, der Club war hammer. Ferdinand machte sie zu den Bossen, alles drehte sich um sie. Vodka floss in Strömen, Absturzgefahr willkommen. Und viele willige wilde Weiber. Und als der nächste Morgen anbrach, da hatten sie alles gehabt was sie wollten, insbesondere Martin, der brav geblieben war.


Leichenkönig


Heute morgen wurde eine Leiche in das Leichenschauhaus hineingetragen. Sie war zur Obduktion bestimmt, doch noch hatte sie keiner gesehen. Der zuständige Pathologe Dr. Eberhard Eisenloh schritt zur Tat, in der rechten die Knochensäge, in der linken das Klemmbrett. Dr. Eisenloh, der ebenso weiß war wie die sterile Einrichtung der Halle, überzog seine faltigen Hände mit professionellen Handschuhen. Er zog die Decke von der Leiche. Er erstarrte.
Die Leiche war völlig deformiert, sie war gar abstrakt. Dennoch ähnelte ihre Ausstrahlung dem starken unerschütterlichen Willen buddhistischer Mönche, die bis zur Apotheose in Meditation verfallen waren. Der Körper war übersät mit Schrapnell aller Art. Schrauben, Nägel, Schlüssel. Vermutlich hatte eine Explosion die Metallteile in ihr Fleisch getrieben. War er überhaupt ein Mann gewesen? Genitalien schien es nicht zu geben. Da war doch tatsächlich ein Wesen auf dem Tisch, das erhaben war über alle Polarität fleischlicher Schwächen. Die Stellung, in der der Leichnam trieb, ähnelte der Ophelias – edel und schön im stillen Partikelmeer, der Blick allwissend und doch verloren. Das Augenweiß war nunmehr schwarz geworden, nur die Pupille und die Iris nicht. Diese hatte einen goldenen Ton angenommen im faulen Gestank. Die Haut war stark gespannt und doch weich. Sie hatte sich grau gefärbt, der Grund war völlig unklar.
Der Doktor war immer noch starr wie die Isolde, die von Tristans Tod erfuhr, jedoch hatten andere Gefühle dies hervorgerufen. Dr. Eisenloh zuckte wie wild und im Gesicht spannte sich alles krampfartig an. Seine Zähne klapperten wie ein Xylophon, die Finger krümmten und wanden sich. Aus seiner Lunge bombte es. Die Luftröhre wurde von einem Gespenst erfüllt, das sie hoch kroch wie ein Krallenaffe. Vor den Zähnen sammelte es sich an.
Dann explodierte es: „Frau Schimberg!!! Der Leichenkönig! Der Leichenkönig!“
Frau Schimberg kommt grade herein, heraufbeschworen von ihrer Kaffeepause. „Ja bitte, Dr. Eisenloh?“, sagt sie genervt. Frau Schimberg ist eine blonde vollbusige Krankenschwester, ihr Mund war zur linken mit einem Schönheitsfleck versehen. Ihr Dekolleté ist ihr deutlich zu tief, ihr weißer Rock ist ihr ehrlich gesagt zu kurz, drum trägt sie Strapse und hohe Stöckelschuhe.
„Sehen…sehen sie sich das an.“
Frau Schimberg walzt sich vorwärts mit Wut als Antrieb, nicht Gewicht. „Was soll daran so toll se…“
Auch Frau Schimberg friert ein. Da stehen sie wie angewurzelt.
Die Leiche ist nicht wie der Fall gestern. Der Fall gestern war ein Schwarzer, sein Unterleib war zu großen Teilen abgefressen. Die Schenkelknochen waren weiß und frei vom Schinken, nur noch wenige Fetzen von Haut und rosaroten Muskelfasern hingen an dem Schenkelknochen. Sie netzten ihn ein. Er war abgenagt worden wie ein Hähnchenknochen. Die Bissspuren hatten eine scharfe Grenze gezogen. Sie lag ungefähr unter dem mit blutigen Handabdrücken verzierten Bauchnabel. Der Dickdarm lugte hervor wie eine vor Fett geplatzte Schlange im Nest ruinierter Genitalien. Die Waden fehlten völlig. Irgendein Monster hatte die Fleischstücke aus ihm herausgebissen in einer Gasse ohne Zeugen.
Diese Leiche ist eine Untat.
Aber das hier!
Das hier ist ein Meisterwerk!
Die beste Leiche, die ich jemals gesehen habe. Eine perfekte Leiche! Die beiden empfinden genauso, ein Gefühl der Unterwerfung überkommt sie wie eine Flutwelle. Diese Leiche besitzt tief verwurzelt eine Begabung. Einst muss sie das Blut der Könige inne gehabt haben. Nein, es durchfließt immer noch in diesem Körper. Er ist zum König gestorben, sein Tod war nur eine Geburt zu etwas höherem, einer neuen Seinsstufe. Sie sehen sich an, wie ein Mann und eine Frau, nachdem sie Liebe gemacht hatten nach allen Regeln der Arterhaltung, doch da ist eine andere Intention, die sie dazu bewegt. Sie erkennen nämlich, dass sie nur Fleisch sind. Sterbliches, verderbliches Menschenmaterial.
Sie sind nicht wie er. Denn er ist ein Gott. Ja, Gott ist tot. Er ist gestorben, um hier sein zu können. Erst im Tode kann er seine Pracht entfalten.
Frau Schimberg hält die Hand vorm Mund aus Angst, dass ihre unwerten Worte diesen Avatar beleidigen könnten: „Das ist unglaublich. Ja, das hier ist ein Gott.“
Und es ist wahr.
Die beiden strecken ihre Hände aus in Richtung des Götzen, den sie selbst gerade erkoren haben. Sie wollen seine Anhänger sein. Sie wollen eine Kirche um ihn bauen. Er ist ihr Anführer, ihr Elter, ihr Feldherr, ihr Hirte. Er soll alles sein, was andere versprechen ohne es einzuhalten. Verflucht seien die Buchreligionen, sie bauen auf Lügen! Das hier ist echt.
Die leeren goldenen Augen schienen sich zu bewegen, als die Leiche vor ihrer Anbetung steht. Sie unterwerfen sich. Die Leiche ist in eine sitzende Position gerückt worden. Die Verschränkungen ihrer Gliedmaßen lässt sie eher wie eine vertrocknete Spinne statt eines meditierenden asiatischen Eremiten wirken. Insgesamt impliziert seine verdrehte Körperhaltung einen Unfall, wie als wenn eine Schiffsschraube seinen Körper in die Mangel genommen hätte. Der Bauchnabel ist zum Rücken gedreht, das Genick mehrfach gebrochen. Die Haut ist an diesen Stellen zerrieben, sodass sie eine Art scharlachrote Kette mit Perlen versehen bildet. Die Perlen bestehen aus geronnenem totem Blut, die sich in einer schwärzlichen Färbung getarnt hatten. An einigen Stellen ragen spitze Knochenenden hervor, die die trockene heilige Haut zerstochen hatten und schon bei der Ankunft einen seltsam anmutenden Kranz ergaben. Die Metallstücke, die im Kopf der Leiche stecken und schon das eingefallene Hirn ankratzen, bilden eine Krone, wie man deutlich sieht. Er ist nicht nur ein Gott, sondern der König aller Götter, erster Gott der Hierarchie.
Um ihn hatte ein kluger Mensch einen Kreis Kerzen aufgestellt. Vor ihm sind Gaben geopfert worden. Da liegen einige Trauben, Ähren, Gemüse und auch ein totes Huhn, das am Hals Spuren wahrer Kulte aufweist. Er ist nicht mehr im sterilen Leichenschauhaus, sondern nun in einer aus Birkenholz gefertigten Kapelle, die noch den Wind, Bote der Götter, hineinlässt. Längst sind Dr. Eisenloh und Frau Schimberg zu ihrer wahren Bestimmung getreten als Priester des Leichenkönigs. Tausende pilgern zu dem Leichenkönig.
In ihren Herzen herrscht Unsicherheit, tiefe Wünsche, unerfüllte Freude, Zweifel an der Welt und die Frage nach allem Sein. Können andere Religionen diese nicht befriedigen, da sie einfach Unsinn sind, kann der einst Mensch gewesene tote Gott, der in der Kapelle hockt, dies mit der simplen Sicht in die Macht des Universums. Die Antwort steht in seinen Augen geschrieben.
Jahweh hat die Welt geschaffen in sieben Tagen und die Menschheit nach seinem Abbild geschaffen? Wie dumm muss man sein, um diesen Stuss zu glauben.
Der Sohn Gottes starb für unsere Sünden? Wie dumm muss man sein, um diesen Stuss zu glauben?
Einer ging in eine Höhle ohne Zeugen und wurde zum Propheten von einem Engel berufen? Wie dumm muss man sein, um diesen Stuss zu glauben?
Doch hier war ein wahres Himmelswesen vor ihnen. Keiner dieser Quacksalber, sondern ein existierendes Sein. Eine Leiche, eine Leiche, die zum Gott geworden ist.
„Kommt her, kommt her, Kinder der Erde. Ihr seid gemacht aus Scheiße, Staub und Dreck, wollt ihr mehr sein als Scheiße, Staub und Dreck? Widersagt denen, die Honig um eure Mäuler schmieren. Honig lockt Fliegen an, Fliegen tragen Krankheiten. Seht ihr? Religionen aller Art belegen euch mit einer Krankheit, die euren Verstand zernagt wie eine Ratte den Speck. Wenn ihr sie loswerdet, dieses Siechtum, dann werdet ihr den Status als Kot abgelegen können. Ja, dann seid ihr nur noch Staub und Dreck. Erde, wie unser Gott hier.“ Als Dr. Eisenloh die Worte verkündet hat, jubeln die Pilger.
Sie zertreten die Symbole ihrer Krankheit, zerstampfen den Krebs, zermalmen die Syphilis, zerschmettern die Demenz.
„Wir sind frei!“, schreien sie.
Der Leichenkönig lächelt. Er hat sie befreit. Es ist richtig. Es sieht so aus als würde er lachen, er darf das auch. Die Pflanzen um ihn wuchern wie wild im Dunstkreis seiner Macht. Sie absorbieren die himmlischen Partikel und nehmen so eine bessere, gar höhere Form an. Auch der Mensch kann sich so verbessern.
„Haltet euch nur in seiner Nähe auf und schon werdet ihr zu etwas besserem.“, verspricht Frau Schimberg.
Eine warzige und uralte Dame von 103 Jahren, die doch um Ligen hübscher war als der Leichenkönig, schlendert mittels der altersbeschwerten Beine zu dem Wesen. Der Leichenkönig erwidert ihre Liebe und schenkt ihr das Leben.
„Ein Wunder, ein Wunder!“, schreit Frau Schimberg als die alte Dame die Kraft wiedergefunden hat das Tanzbein in exotischen Formen zu schwingen.
Der Schweiß ätzt die Warzen weg. „Ich habe mich selten so gut gefühlt, nicht mal in der Jugend!“ Und da dreht sie Pirouetten den Berg hinunter. Der Leichenkönig strahlt mit seinen blanken weißen Zähnen. Ein wilder Hund in hellbraunem Pelz gehüllt dackelt an und bellt: „Die Alten haben uns endlich gerettet! Da ist er, der einzig wahre Gott!“
Alle werfen die Hände nach oben: „Juche, juche, juche!“
Weitere tausend stürmen den ganzen Tag noch dazu.
24 Tage nach dem Fund hatte der Leichenkönig Millionen Anhänger. Mittlerweile hatte er Muskeln angesetzt, er war gewachsen und seine Gesichtszüge waren streng und mächtig geworden. Längst hatte er die Kapelle gesprengt mit seiner Masse, er krönt nun den Berg. Er misst ungefähr fünf Meter im Sitzen. Die Metallstücke hatten sich vor ein paar Tagen zu Schwertern umgewandelt. Neue Arme sind heute morgen aus seinem Rücken gesprossen. Er ist wie der finstere Fruchtbarkeitsgott den Lovecraft schuf. Aber gütiger.
„Nicht mehr lange und die Reinigung wird kommen. Nur das Blut Unwürdiger kann ihn sättigen.“, schreien die Apostel.
Der Leichenkönig kann mittlerweile blinzeln. Blinzeln und Denken. Kommt her, dann lernt er noch mehr.
Laufen, greifen, kämpfen, töten!
Sein Auge… ist es nicht offensichtlich? Es giert nach Krieg, Wallung, Hitze. Es kann nicht mehr lange dauern. Die Finger zucken schon. Der Gigant wird im Moment mit einer fruchtigen Salbe gereinigt. Zuvor roch er nach nichts, doch er darf ja nicht nur erschrecken. Er muss auch Liebe transportieren. Es ist die Idee des Leichenkönigs gewesen. Die Pilger halten seine vielen Hände, jeder nahm einen der sechs Finger an jeder Hand. Sie schließen die Augen. Sie sind eins.
41 Tage nach dem Fund zittert der ganze Koloss. Der Leichenkönig ist nun so groß, dass er die Kapelle in die gelbe Erde gedrückt hat. Die Bäume um ihn sind entwurzelt und sehen aus wie ein Nest. Der Äther um ihn flackert in einem seltsamen Lichte. Er misst jetzt fünfundzwanzig Meter. Mehrere Köpfe waren gestern aus dem Hals gesprungen. Sie sind mit Zähnen bewaffnet, die Großschwerter sein könnten. Es sind mittlerweile hunderte Arme. Die Beine ähneln Säulen der Akropolis. Aus den Schwertern sind Ketten geflossen, die im Begriff sind eine Art Kleidung zu nähen. Die Pupillen springen zu allen Seiten, beobachten die gesamte Welt und starren jedem Anhänger tief hinein in das Heiligtum Seele. Das Wesen atmet nicht. Der Kiefer senkt sich.
„Der Leichenkönig will sprechen! Er stimmt an zur Rede!“, schreien die beiden Apostel in den Kreis aus einer Milliarde Jüngern.
Aus seinem Munde raunen alte Geister und die Stimme aller Tage kommt zum Vorschein: „Ich bin frei.“